Nachhaltigkeitsstrategien auf dem Prüfstand: Warum baut Siemens an einem der größten Kohlebergwerke der Welt mit?

Nachhaltigkeitsstrategien auf dem Prüfstand: Warum baut Siemens an einem der größten Kohlebergwerke der Welt mit?

Liebe Leserin, lieber Leser,

neulich berichtete die Tagesschau von den Disputen mit Klimaschützern auf der Siemens Hauptversammlung am 5.2.2020, ausgelöst durch die Beteiligung von Siemens am Bau eines australischen Kohlebergwerks.

Mich elektrisierte, was der Siemens Vorstandsvorsitzende Jo Kaeser auf der Hauptversammlung aussprach. Er sagte etwas sehr Bedeutsames, das ich bislang in dieser Deutlichkeit noch nie von einem Konzernlenker gehört habe:

„Unternehmen können heute nicht mehr so tun, als bestünde die ganze Geschäftsbestimmung darin nur Gewinn zu erwirtschaften. Diese Zeiten sind vorbei.

Heute müssen Unternehmen alle ihre Interessensgruppen im Blick haben, und das sehen wir ja auch hier und heute in der aktuellen Situation.“(1)

 

Bedeutsam, weil er damit zwei Kernelemente des Nachhaltigen Wirtschaftens beschreibt – die Abkehr des Unternehmenszwecks von der Fokussierung auf Gewinnerwirtschaftung und die Einbindung aller Interessengruppen. Das Wort des Siemens Vorstands hat Gewicht, weil der Konzern mit rund 385.000 Mitarbeitern und 87 Milliarden Euro Umsatz in 2019 zu den Top Ten der deutschen Unternehmen zählt.

Ich wollte mehr über die Hintergründe des Debakels erfahren. Wie passt dieser Kohlebergwerkauftrag zur Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns?

Auf der Website von Siemens ist aktuell zu lesen:

 „Der Klimawandel ist Wirklichkeit.

Wir kommen unserer Verantwortung nach – mit intelligenten und nachhaltigen Lösungen.

Als eines der ersten großen Industrieunternehmen haben wir uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden.

Mit diesem ambitionierten Vorhaben sowie mit Technologien und Lösungen aus unserem Umweltportfolio unterstützen wir unsere Kunden bei der Steigerung von Energieeffizienz und der Dekarbonisierung.“ (2)

 

Im krassen Widerspruch zu diesen schönen Worten zur Strategie der Dekarbonisierung steht der umstrittene Kohlebergwerkauftrag. Worum geht es dabei?

Die indische Adani Group will im australischen Bundesstaat Queensland eines der größten Kohlebergwerke der Welt aufbauen. Aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten sollen langfristig bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr gefördert werden. Die Mine soll bereits 2020 in Betrieb gehen.

Siemens hatte Ende 2019 einen Auftrag für eine Signalanlage für die Schienenstrecke des Bergwerks zum Hafen angenommen, mit einem Auftragsvolumen von 18 Millionen Euro. Im Vergleich zum Konzernumsatz 2019 von rund 87 Milliarden Euro ist dieser Betrag eher winzig. (3)

Das Mega-Bergbauprojekt wird erhebliche negative Folgen für das Klima und die Natur haben. Die Verbrennung der geförderten Kohle wird die Klimaerwärmung weiter vorantreiben und kann aufgrund der riesigen Fördermengen das weltweite 1,5-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung gefährden.

Kritisiert werden zudem der hohe Wasserverbrauch und die Bedrohung der Tierwelt des Great Barrier Reef, dem größten Korallenriff der Welt, durch den Transport der Kohle. (4)

Der Siemens Chef blieb trotz massiver Proteste von Umweltschützern bei seiner Entscheidung. Jo Kaeser sagte, es sei für ihn schwierig gewesen, „zwischen sehr legitimen Anliegen von globaler und entscheidender Bedeutung und einer faktenbasierten wirtschaftlichen und rechtlichen Bewertung“ abzuwägen. Seine Beweggründe finden sich im Detail in seiner Presseerklärung, wie Vertragstreue. (5) Selbstkritisch sagt er darin auch:

„I do know that we are far from perfect. And, we should have been wiser about this project beforehand.”

 

Vielleicht hat er aber auch befürchtet, dass eine Auftragsstornierung aufgrund von Protesten der Umweltschützer als Zeichen der Schwäche ausgelegt worden wäre? Vielleicht wollte er nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ keinen Präzedenzfall schaffen, für Proteste gegen weitere ähnliche Aufträge?  Denn Siemens ist mit seiner umsatzstärksten Sparte „Gas and Power“ noch voll im Geschäft mit fossiler Energietechnik. Dazu später mehr.

Was hat Siemens aus den Fehlern im Umgang mit dem Kohlebergwerkauftrag gelernt?

Jo Kaeser kündigte an, Umweltbelange in Zukunft besser managen zu wollen. Dazu soll der existierende Nachhaltigkeitsausschuss des Konzerns ein Vetorecht gegen die Beteiligung von Siemens an Projekten wie dem in Australien bekommen. Erstmals sollen auch externe Mitglieder in das Gremium einziehen. (6)

Ich hoffe, dass Siemens seine Versprechen wahr macht, dem Nachhaltigkeitsausschuss ein Vetorecht einräumt, mehr Interessengruppen einbindet und in Zukunft konsequent Umweltkriterien berücksichtigen wird, wenn es um die Annahme von Aufträgen geht. Und sei das Auftragsvolumen noch so „winzig“.

Auf dem Prüfstand: die Nachhaltigkeitsstrategie von Siemens

Das aktuelle Beispiel zeigte mir: Die Beteiligung an dem Bau eines umwelt- und klimaschädlichen Kohlebergwerks kollidiert mit der von Siemens formulierten Nachhaltigkeitsstrategie, zu der auch die Dekarbonisierung zählt, mit dem Ziel einer CO2 freien Wirtschaftsweise.

Im Widerspruch zur Nachhaltigkeitsstrategie steht aus meiner Sicht auch: Siemens ist noch immer massiv in fossiler Energietechnik mit Kohle, Gas und Öl tätig.  Mit der umsatzstärksten Sparte „Gas and Power“ wurden 2019 rund 18 Milliarden Euro Umsatz gemacht. So kritisiert die Umweltorganisation urgewald, dass Siemens in Indonesien am Bau eines 2000 Megawatt-Kohlekraftwerks beteiligt sei. In Ägypten habe Siemens 2018 drei riesige Gaskraftwerke mit einer Leistung von 14.400 Megawatt fertiggestellt. (7)

Vielleicht sieht Siemens die geplante Ausgründung von „Gas and Power“ in eine neue Gesellschaft „Siemens Energy“, die in 09/2020 an die Börse gehen soll, ja als eine Möglichkeit, sich von umwelt- und klimaschädlichen Technologien zu verabschieden?

Bei aller Kritik an Siemens sehe ich auch Positives: Über sein sogenanntes Umweltportfolio mit Technologien zur Energieeffizienz sowie Klima- und Umweltschutz liefert der Siemens Konzern in seinem Kerngeschäft den größten Beitrag zur Abschwächung des Klimawandels, und zwar durch CO2 Einsparungen bei seinen Kunden.

Laut den „Nachhaltigkeitsinformationen 2019“ hat Siemens mit dem Umweltportfolio rund 38,4 Milliarden Euro Umsatz generiert. Mit allen seit dem Geschäftsjahr 2002 bei Kunden installierten Umweltportfolio-Elementen, die auch heute noch in Betrieb sind, hat Siemens die Kohlendioxidemissionen seiner Kunden zum Ende des Geschäftsjahrs 2019 um 637 Mio. Tonnen reduziert. (8)

Was mir hier bei der Klimabilanzierung allerdings fehlt ist die Berechnung der zusätzlich entstehenden CO2 Emissionen, die durch die Beteiligung von Siemens an Aufträgen mit fossiler Energietechnik bei den Kunden entstehen. Wie beispielweise dem australischen Kohlebergwerk.

Wie wohl der Saldo aus bei Kunden eingesparten und zusätzlich erzeugten Treibhausgasemissionen aussehen würde?

Tipps und Kicks:

Mach Dir selbst ein Bild und erlebe, wie in dem Tagesschau-Beitrag zwei Welten aufeinander treffen:

Zunächst kommt die Fridays for Future Aktivistin Helena Marschall zu Wort: “Wenn wir dieses 1,5 Grad Ziel überschreiten und wenn Siemens da seinen Teil tut und weiter in rückwärtige Technologien wie Kohle investiert, dann wird es kein Siemens der Zukunft mehr geben.“

Höre und sehe anschließend den Siemens CEO Joe Kaeser, wie er seine von mir eingangs zitierten bedeutsamen Sätze auf der Siemens Hauptversammlung sagt.

Es ist nur eine kurze Sequenz in der Tagesschau vom 5.2.2020, zu sehen ab Minute 11:40. Mir ist sie unter die Haut gegangen.

Herzliche Grüße

Elke Vohrmann

 

Quellen:

(1) 05.02.2020 Tagesschau ∙ ARD/Das Erste 20:00 Uhr

https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3RhZ2Vzc2NoYXUvOGVhMDNlYWItYjEyMC00YWY5LThiNjEtZjY0OGExMGY2NjFl/tagesschau-20-00-uhr

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/siemens-kohle-proteste-101.html

(2) https://new.siemens.com/global/de/unternehmen/nachhaltigkeit/dekarbonisierung.html

(3) https://www.tagesschau.de/wirtschaft/siemens-kohle-australien-103.html

(4) https://www.welt.de/vermischtes/article204974032/Siemens-in-Australien-Das-umstrittenste-Kohlebergwerk-der-Welt.html

https://www.derstandard.de/story/2000113222491/siemens-haelt-an-zulieferung-fuer-kohlebergwerk-in-australien-fest

(5) https://press.siemens.com/global/en/news/joe-kaeser-adani-carmichael-project

(6) https://www.tagesschau.de/wirtschaft/siemens-kohle-australien-103.html

(7) https://www.epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=15720:siemens-urgewald-fordert-abschied-von-fossiler-energie&catid=54&Itemid=100198

(8) Nachhaltigkeitsinformationen 2019, Punkt 6.2 Umweltportfolio

https://assets.new.siemens.com/siemens/assets/api/uuid:d9e977bb-b1e0-4bad-b20f-d655d095f555/siemens-nachhaltigkeitsinformationen2019.pdf

„Die Umweltportfoliotechnologien, die den größten Beitrag zur Gesamtreduktion von Kohlendioxidemissionen bei den Siemens Kunden leisten, sind Gas- und Dampfkraftwerke, Modernisierung und Aufrüstung von Kraftwerken, Stromerzeugung aus Windkraft, Frequenzumrichter und dampfturbinengetriebene Prozesstränge.“

 

Grafik: © Elke Vohrmann

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