Umwelttrend Flugscham: Kann Klimakompensation eine Lösung sein?

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Die Flugscham – ein weiterer Umwelttrend aus Schweden

Umwelttrend Flugscham: Kann Klimakompensation eine Lösung sein?

Liebe Leserin, lieber Leser,

planst Du mit dem Flugzeug in den Urlaub zu starten? Oder musst Du einen geschäftlichen Termin mit dem Flieger erreichen?

So manchen plagt mittlerweile das schlechte Gewissen, denn jeder Flug verursacht pro Kopf hohe CO₂ Emissionen. In Schweden spricht man seit 2018 von der „flygskam“, zu deutsch Flugscham, die weltweit immer mehr um sich greift.

Du erfährst hier spannende Fakten rund um’s Fliegen, unter anderem

  • wie hoch Dein persönliches jährliches Klimabudget ist,
  • wie Du ganz leicht Deine CO₂ Emissionen für einen Flug berechnen kannst,
  • ob Klimakompensationszahlungen eine Lösung für ein gutes Gewissen sind.

Das persönliche Klimabudget

Um die Auswirkungen des Klimawandels in Grenzen zu halten, hat sich die Staatengemeinschaft das Ziel gesetzt, die durchschnittliche Erderwärmung bis 2050 auf 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, verbleibt der Menschheit bis 2050 ein globales Emissionsbudget von ca. 750 Mrd. Tonnen CO₂.

Bei einer angenommenen mittleren Weltbevölkerung von 8,2 Mrd. Personen im Zeitraum 2010 bis 2050 bedeutet dies, dass jedem Menschen ein klimaverträglicher Ausstoß von im Durchschnitt jährlich rund 2,3 t CO zusteht. Ein Inder verursacht jährlich aktuell rund 1,6 Tonnen CO₂, ein Deutscher hingegen verursacht jährlich durch seinen Lebensstil im Durchschnitt 11 Tonnen CO₂  (1)

Wieviel von diesem Jahresbudget durch einen einzigen Flug aufgezehrt wird, kannst Du durch die Eingabe von wenigen Eckdaten in sogenannten CO₂ Emissionsrechnern schnell berechnen.  Ein Hin- und Rückflug Düsseldorf-Teneriffa verursacht pro Person 1,478 Tonnen CO₂. Ein Flug von Frankfurt nach Sydney und zurück pro Person 11,3 Tonnen CO₂ – also das fünffache des je Mensch zur Verfügung stehenden Jahresbudgets von 2,3 Tonnen CO₂. (2)

Tipps + Kicks:

Es gilt auch hier das Nachhaltigkeitsprinzip „Vermeiden kommt vor Reduzieren kommt vor Kompensieren“. Du hast verschiedene Handlungsmöglichkeiten.

1. Zug anstatt Flugzeug

Die Zugfahrt von Düsseldorf nach Berlin Hauptbahnhof und zurück verursacht laut UmweltMobilCheck der Deutschen Bahn rund 1,4 kg CO₂, das Auto 82,9 kg CO₂ und das Flugzeug 113,4 kg CO₂. (3)

Zugfahren ist am umweltfreundlichsten: Reisende fahren seit 2018 in den Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn mit 100% Ökostrom.

2. Videokonferenzen anstatt Flugzeug

Unternehmen können die Zahl der Businessflüge reduzieren: Statt zum Businessmeeting zu fliegen, kann mit der modernen Kommunikationstechnik problemlos der Informationsaustausch durch eine Videokonferenz stattfinden, weltweit.

3. Die Emissionen des Flugs durch Kompensationszahlungen ausgleichen

Manchmal geht es nicht anders. Dann muss man das Flugzeug nehmen, um ans Ziel zu kommen. In diesem Fall kannst Du durch eine Kompensationszahlung den durch den Flug entstehenden Klimaschaden ausgleichen. Dieses Geld fließt in Klima­schutz­projekte, die in der Regel in Schwellen- oder Entwicklungs­ländern ihre positive Klimawirkung zeigen, wie beispielsweise der Einsatz von Solarkochern anstatt Petroleumkochern, die Errichtung von Windkraftparks, der Bau von Wasserkraftwerken etc.

Am Markt gibt es viele CO2-Kompensationsanbieter. Stiftung Warentest/Finanztest vergab bei einem Vergleichstest in 03/2018 sehr gute Noten an atmosfair (Testsieger), Klima-Kollekte, Prima Klima und eine gute Note an myclimate Deutschland. (4)

Mir fiel auf, dass die Berechnungsgrundlagen je nach Anbieter sehr unterschiedlich sind. Somit weichen auch die Berechnungsergebnisse für einen bestimmten Flug sehr voneinander ab.  Der Anbieter atmosfair nimmt nicht nur den CO₂ Ausstoß, sondern auch weitere negative Klimawirkungen des Fliegens mit in die Berechnungen auf, wie Stickoxid, Ruß- und Schwefelpartikel sowie Wasserdampf aus Flugzeugtriebwerken, die das das Klima unterschiedlich lange und intensiv beeinflussen. Da alle für den Treibhauseffekt relevant sind, rechnet atmosfair sie näherungsweise in Kohlendioxid um. (5)

Wieviel CO₂ produziert mein Flug und was kostet die Klimakompensation?

Ich habe mit Hilfe des atmosfair Emissionsrechners zwei Beispielflüge berechnet. Die Berechnungen würden noch genauer, wenn ich nicht nur Start- und Zielflughafen, sondern auch noch die Sitzklasse, Flugart und Flugzeugtyp eingegeben hätte. Mir persönlich gefällt der atmosfair Emissionsrechner gut, da er detaillierte Eingaben zuläßt (aber nicht erzwingt) und strenge Maßstäbe zugrundelegt.

Beispiel 1: Die Kompensation von pro Person 1,478 Tonnen CO₂ des Hin- und Rückfluges Düsseldorf-Teneriffa Süd mit einer durchschnittlich klimafreundlichen Airline kostet aktuell 34 Euro. (Stand: 27.5.19)

Beispiel 2: Die Kompensation von pro Person 11,3 Tonnen CO₂ des Hin- und Rückfluges Frankfurt-Sydney West (über Dubai) kostet aktuell 261 Euro. (Stand: 27.5.19)

Der Emissionsrechner des Anbieters myclimate weist für den Flug Frankfurt-Sydney und zurück nur 6,9 Tonnen CO₂ aus. Dadurch liegen die Kompensationskosten bei 152 Euro.

Auch mit der Wahl der Fluglinie beeinflusst Du die Höhe der CO₂ Emissionen. „Der Airline Index von atmosfair vergleicht und ordnet jährlich die 190 größten Airlines der Welt nach ihrer Klimaeffizienz, also den CO₂-Emissionen pro Transportleistung. In die Berechnung der CO₂-Emissionen fließen ein der Flugzeugtyp, die Triebwerke, aerodynamische Flügelspitzen (Winglets), Bestuhlung und Frachtraum sowie deren Auslastungen.“ (6)

Beispiel Hin- und Rückflug Düsseldorf – Berlin (Stand 27.5.2019)

  • TUIfly: Klimawirkung 164 kg CO₂
  • Eurowings: Klimawirkung 249 kg CO₂
  • Durchschnittliche Airline: Klimawirkung 235 kg CO₂

Übrigens: Der Klimaschutzbeitrag ist als Spende steuerlich absetzbar.

Klimakompensation alleine reicht nicht aus und ist nur eine Behelfslösung.

Die Experten von atmosfair selber sagen, dass Klimakompensation nicht reicht: „Die Einhaltung des 2-Grad-Ziels erfordert eine Reduktion der globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2050 von mindestens 80% gegenüber 1990, bis 2100 müssten die weltweiten Emissionen auf nahezu Null heruntergefahren werden. Würde man theoretisch versuchen, die Emissionen des Globalen Nordens ausschließlich über Kompensation zu mindern, könnten die globalen Emissionen bis 2050 bzw. bis 2100 nicht in benötigtem Umfang gesenkt werden. Zwar würde in diesem Szenario der Treibhausgas-Ausstoß des Globalen Südens weitestgehend gesenkt,  jedoch würde der Globale Norden weiterhin Emissionen in vollem Umfang ausstoßen. Die globalen „Restemissionen“ wären demnach weitaus höher als der mit der Erreichung des 2-Grad-Ziels zu vereinbarende Treibhausgas-Ausstoß.

Oder anders ausgedrückt: alleinige Kompensation ist langfristig nicht zielführend, vielmehr müssen die Länder des Globalen Nordens selbst ihre internen Emissionen in großem Umfang verringern. Kompensation kann demnach nur „Behelfslösung“ sein.“ (7)

Fazit:

Ich meine, dass jeder Mensch für seinen Lebensstil auch beim Fliegen das rechte Maß finden sollte und ggf. immer häufiger bewusst auf das Flugzeug als Transportmittel verzichtet, sofern denn möglich. (zum rechten Maß siehe meinen Blog-Beitrag zum Thema Suffizienz).

Gehäuft Fliegen zum Privatvergnügen – obwohl klimafreundlichere Alternativen zur Verfügung stehen –  und dafür jeweils eine Kompensationszahlung zu leisten, ist also keine gute Klimaschutzlösung. Für den, der selten fliegt und keine Alternative zur Reise mit dem Flugzeug hat, ist hingegen eine Klimakompensation über einen seriösen Anbieter aus meiner Sicht eine gute Sache.

Herzliche Grüße

Elke Vohrmann

 

Quellen:

(1) https://www.atmosfair.de/de/gruenreisen/persoenliches_klimabudget/

(2) Berechnungen mit dem atmosfair Emissionsrechner für Flugreisen https://www.atmosfair.de/de/kompensieren/flug

(3) Berechnungen laut UmweltMobilCheck der Deutschen Bahn https://www.deutschebahn.com/de/nachhaltigkeit/umweltvorreiter/aktuelle_umweltthemen/umweltmobilcheck-1183786

(4) Stiftung Warentest/Finanztest 2018 https://www.test.de/CO2-Kompensation-Diese-Anbieter-tun-am-meisten-fuer-den-Klimaschutz-5282502-5282508/

(5) atmosfair CO₂ Berechnung https://www.atmosfair.de/de/faqs/zur_co%E2%82%82-berechnung/

(6) https://www.atmosfair.de/de/fliegen_und_klima/atmosfair_airline_index/

(7) „Warum Kompensation nicht reicht“  https://www.atmosfair.de/de/standards/sinnvoll_kompensieren/

 

Grafik: © Elke Vohrmann

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