Wertewandel, Beruf, Berufung: Interview mit Felix Rohkämper über seinen sozialen „weltwärts“-Freiwilligendienst in Südafrika

Foto: Felix Rohkämper

Wertewandel, Beruf, Berufung: Interview mit Felix Rohkämper über seinen sozialen „weltwärts“-Freiwilligendienst in Südafrika

Liebe Leserin, lieber Leser,

es kann einen jederzeit erwischen, in jeder Lebensphase: der Wertewandel. Bei mir passierte es in der Mitte meines Lebens: Für mein berufliches Leben wurden neue Werte immer wichtiger. Daraus entstand meine neue Lebensvision – und letztlich ein komplett anderes Berufsleben.

Manche Menschen erleben schon in jungen Jahren, wie sich Werte wandeln, mit tiefgreifenden Folgen für ihr Leben. So erging es Felix Rohkämper, 19 Jahre jung, und ab Oktober BWL-Student in Münster. Über seine erstaunliche innere Wandlung, die er vor kurzem aufgrund seines „weltwärts“-Freiwilligendienstes in Südafrika erlebte, habe ich mit ihm ein Interview geführt.

Felix, ursprünglich wolltest Du doch nach dem BWL-Studium Wirtschaftsanwalt werden, Karriere machen und viel Geld verdienen. Doch jetzt hast Du andere Pläne. Stattdessen willst Du lieber Nachhaltigkeitsberater werden und lernst gerade bei mir im Rahmen eines freiwilligen Praktikums einiges über diesen Beruf. Was ist mit Dir geschehen?

Wirtschaftliche Zusammenhänge haben mich schon als Schüler sehr früh interessiert. Ich wollte einen gut bezahlten Job, mit anspruchsvollem Arbeitsalltag. Das war auch noch mein Plan, als ich 2019 mein Abitur in der Tasche hatte.

Doch vor dem BWL-Studium wollte ich noch ein freiwilliges gemeinnütziges Jahr im Ausland leisten. Ich bewarb mich für den vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) geförderten Freiwilligendienst „weltwärts“. Junge Erwachsene zwischen 18 und 28 Jahren arbeiten in Entwicklungsprojekten in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Südosteuropa mit. Das „Globale Lernen“ und der interkulturelle Austausch sind wesentliche Ziele des Freiwilligendienstes.

Über die Entsendeorganisation Zentrum für Mission und Ökumene bekam ich nach einer intensiven Vorbereitungsphase die Möglichkeit, ein Jahr lang mit anderen Freiwilligen in einem sozialen Projekt in Südafrika, konkret in Kapstadt, mitzuarbeiten.

Am 01. August 2019 landete Dein Flieger in Kapstadt. Wie waren Deine ersten Eindrücke?

Wir Freiwilligen kamen erst spät abends an, wurden vom Flughafen abgeholt und in unsere Wohnungen gebracht. Der erste Blick aus dem Fenster, als ich an dem kommenden Tag aufwachte, war einfach „WOW!“. Die Natur war zu schön und ich konnte mein Glück kaum fassen, hier nun über die nächsten Monate zu leben.

Im krassen Gegensatz dazu standen das beklommene Gefühl und die innere Leere, als ich auf dem Weg zu unserem Projekt der New World Foundation durch das Gebiet Capeflat Lavender Hill fuhr, einem der ärmsten Gebiete Kapstadts, mit vielen Kindern auf der Straße anstatt in der Schule.

Umso erstaunter war ich, als ich bedingungslose Liebe und Freundlichkeit spürte, die mir die Erwachsenen und Kinder direkt schenkten. Ich fühlte mich sofort willkommen, obwohl sie mich gerade erst kennenlernten.

Wie sah Deine Arbeit im Projekt der New World Foundation aus?

Ich kümmerte mich vor allem um die Nachmittagsbetreuung von 6 bis 18-jährigen Kindern und Jugendlichen. Sie sollten Neues lernen und sich dabei wohlfühlen. Wir hatten jeden Tag ein unterschiedliches Programm und immer großen Spaß, dabei unsere kreativen Ideen umzusetzen.

Die New World Foundation hat die Aufgabe, die Bewohner des Capeflats Lavender Hill zu unterstützen, mit dem Fokus auf drei Säulen:

1. Sichere Lernatmosphäre für die Kinder und Jugendlichen zu schaffen

Es ist nicht leicht in Lavender Hill zu leben. Die Kriminalitätsrate ist enorm hoch, vor allem weil das Gebiet unter fünf verschiedenen Gangs aufgeteilt ist, die sich regelmäßig duellieren. Schüsse zu hören war normal. Vor allem Kinder driften schnell in eine Gang ab, wenn die Eltern kein Einkommen haben und sich die Kinder nach Essen oder Luxusartikel sehnen, um in der Schule akzeptiert zu werden. Genau deswegen boten wir den Kindern Alternativen an, um sie von der Straße zu holen und von Gewalt fernzuhalten.

Außerdem gab es einen Kindergarten, in welchem den Kindern schon früh elementares Grundwissen beigebracht wurde.

2. Erwachsenen beim Einstieg in die Arbeitswelt zu helfen

Durch Computerkurse oder Hilfe beim Jobeinstieg und weiteren Programmen konnte den Bewohnern aus der Umgebung geholfen werden, um eigenständig in die Arbeitswelt zu kommen, um nicht mehr abhängig von den geringen Sozialbeiträgen zu sein und um ihre Kinder in die Schule schicken zu können.

3. Menschen in schwierigen Situationen zu helfen

Es gab Frauengruppen, Gruppen für alte und chronisch kranken Menschen, individuelle Hilfe für Menschen, die aus Gangs austraten oder drogensüchtig waren. In der New World Foundation wurde wirklich jedem geholfen, der ein Problem hatte.

Du sagtest, dass sich Dein Denken und Deine Werte in dieser Zeit in Südafrika grundsätzlich verändert haben. Gab es konkrete Auslöser?

Auslöser gab es reichlich.

Vor allem die grundsätzliche Dankbarkeit, die ich ständig spüren konnte, hat mich überwältigt. Diese Menschen haben so wenig materiellen Wohlstand und geben so viel Liebe und Dankbarkeit.

Besonders eingeprägt hat sich mir das bei den „Prison Walks“, an denen ich teilnehmen durfte. Wir gingen laut betend und singend durch ein überfülltes Gefängnis. Wir konnten die Hände der Gefangenen sehen, die aus den Zellen herausgesteckt wurden. Wir beteten für sie und sie nahmen diese Gebete an und beteten auch für uns. Der Spirit, den ich in diesem Moment spürte, war einfach nur gigantisch. Ich fragte mich, wieso wir als Menschen denn nicht grundsätzlich so füreinander da sein können.

Eine Person, die auf mich einen starken Eindruck hinterlassen hat, war Uncle Collin, ein ehemaliger Gangboss, der sich durch seinen Glauben neu ausgerichtet hat und nun für Menschen in schwierigen Situationen da ist. Er verhandelt mit den Gangstern, versucht den Bandenkrieg zu unterbinden und geleitet Schüler durch schwierige Gebiete zur Schule. Solche selbstlosen Menschen sind mir oft begegnet.  In mir wuchs der Wunsch, ebenfalls so selbstlos und zugleich auch dankbar sein zu können.

Ebenfalls hatte die New World Foundation einen großen Einfluss auf mich. Ihr ging es darum, den Menschen zu helfen. Genau dieses Prinzip möchte ich gerne für mein eigenes Leben übernehmen.

Dort in Kapstadt ging ich vollkommen in meinem Projekt auf, genoss jeden Tag, den ich mit den Kindern und den ProjektmitarbeiterInnen verbrachte und spürte, wie sehr sich diese Lebenslust und Freude auf mein eigenes Leben auswirkte.

Und wieso interessiert Dich der Beruf der Nachhaltigkeitsberatung?

Innerhalb dieser acht Monate in Südafrika lernte ich unfassbar viel über das Leben. Ich sah mit eigenen Augen, was absolute Armut bedeutet. Ich sah, was Hunger ist.

Genau deswegen ist die Freude am Leben, die ich trotz der Armut in so vielen Menschen gesehen habe, einer der ausschlaggebenden Punkte, an denen ich erkannt habe, dass Geld bzw. materieller Wohlstand nicht alles ist im Leben. Es ist so viel wichtiger, etwas Sinnvolles mit seinem Leben anzufangen und im täglichen Tun das eigene Glück zu finden.

Ich will aktiv mithelfen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dafür will ich einen Beruf für mein Leben wählen, wo ich meine Werte und Erfahrungen mit meinem Interesse an der Wirtschaft verbinden kann. Ich kann mir vorstellen, dass dies für mich am ehesten im Beruf des Unternehmensberaters mit Fokus auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit möglich ist.

Lieber Felix, vielen Dank für diesen beeindruckenden und spannenden Bericht über Deine Erfahrungen in Südafrika! 

Tipps + Kicks:

Felix hat bei seinem Freiwilligendienst in Südafrika neue Werte entdeckt. Diese Werte will er später auch im Beruf leben. Ich wünsche ihm sehr, dass ihm dies in der Nachhaltigkeitsberatung gelingt und er darin auch seine Berufung findet. So ist es mir jedenfalls ergangen. Ich kann in meiner Arbeit mir wichtige Werte wie Gemeinwohl, Verantwortung für Mensch und Natur oder Selbstverwirklichung leben und ich bin sehr glücklich damit.

Ich kann aus eigener Erfahrung jedem empfehlen, die eigenen Werte zu kennen. Diese ändern sich im Laufe des Lebens, auch die Prioritäten verschieben sich. Daher lohnt es sich, immer mal wieder neu hinzuschauen.

Wie kann man seine eigenen Werte ergründen?

Zum Beispiel könntest Du in einer Liste mit Werten (1) Deine aktuell sieben Wichtigsten ankreuzen.

Noch erkenntnisreicher wird es, wenn Du diese Werte dann in eine Reihenfolge bringst, also eine Werte-Hitliste nach Wichtigkeit sortiert erstellst. Dafür schreibst Du die sieben für Dich wichtigen Werte untereinander auf.

Ein Freund/eine Freundin nennt Dir jeweils zwei der Werte. Du entscheidest dann spontan, welcher der beiden genannten Werte Dir gerade wichtiger ist. Dieser Wert bekommt einen Strich. Und das machst du für alle Wertekombinationen, die Dir genannt werden. Daraus kannst Du eine neue Reihenfolge bilden, beginnend mit dem Wert mit den meisten Strichen.

Wenn das geklärt ist, kannst Du Dich fragen: Lebe ich diese Werte in meinem Beruf?

Felix empfiehlt, unbedingt Neues auszuprobieren, die Initiative zu ergreifen.

Wie beispielsweise sich auf den „weltwärts“-Freiwilligendienst des BMZ (nur für junge Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahre) einzulassen. Die Einsatzdauer beträgt in der Regel 12 bis 18 Monate. In Frage kommen Projekte aus dem Themenspektrum der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit, zum Beispiel Armutsbekämpfung, Bildung, Gesundheit, Ernährungssicherung, Umwelt- und Ressourcenschutz oder Menschenrechte. (2)

Der Wandel zu einem Leben im Einklang mit Mensch und Natur beginnt – mit Dir!

Herzliche Grüße

Elke Vohrmann

 

Quellen

(1) Werte ermitteln und Werte-Hitliste erstellen  Werte ermitteln PDF

(2) Informationen zum Freiwilligendienst des BMZ

http://www.bmz.de/de/ministerium/beruf/arbeitsmoeglichkeiten_ausland/freiwillligendienst/Informationen/index.html

Foto: © Felix Rohkämper

 

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